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Therapiemöglichkeiten bei Multipler Sklerose: Ein Überblick für Patienten

· Manfred Seibert
Therapiemöglichkeiten bei Multipler Sklerose: Ein Überblick für Patienten

Eine Diagnose wie Multiple Sklerose verändert das Leben von einem Moment auf den anderen. Doch so belastend dieser Moment ist – er ist auch der Beginn einer aktiven Auseinandersetzung mit einer Erkrankung, die heute deutlich besser behandelbar ist als noch vor zwanzig Jahren. Die Therapielandschaft hat sich enorm gewandelt: Wo früher kaum Optionen bestanden, stehen heute Dutzende zugelassener Medikamente zur Verfügung. Das ist einerseits ermutigend, andererseits schnell überwältigend. Dieser Beitrag gibt einen strukturierten Überblick – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber mit dem Ziel, das nächste Arztgespräch ein wenig leichter zu machen.

Warum MS-Therapie so individuell ist

Multiple Sklerose ist keine einheitliche Erkrankung. Wie die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) erläutert, hängt die Therapieentscheidung von zahlreichen Faktoren ab: der Verlaufsform, der Krankheitsaktivität, dem Alter, einem möglichen Kinderwunsch und begleitenden Erkrankungen.

Grob unterscheidet man laut Wikipedia drei Hauptverlaufsformen:

  • Schubförmig remittierende MS (RRMS): Die häufigste Form, bei der Schübe auftreten und sich – zumindest anfangs – weitgehend zurückbilden. Betrifft rund 85 % aller Betroffenen.
  • Sekundär progrediente MS (SPMS): Geht häufig aus der RRMS hervor; die Erkrankung schreitet zunehmend fort, auch ohne klare Schübe.
  • Primär progrediente MS (PPMS): Beginnt von Anfang an mit einer schleichenden Verschlechterung, ohne initiale Schübe.

Diese Unterschiede sind für die Therapieplanung entscheidend – denn nicht jedes Medikament wirkt bei jeder Verlaufsform.

Schubtherapie: Wenn die Erkrankung akut aufflackert

Im akuten Schub steht zunächst die rasche Linderung der Beschwerden im Vordergrund. Standardbehandlung ist die hochdosierte intravenöse Gabe von Kortikosteroiden – meist über drei bis fünf Tage. Kortison wirkt entzündungshemmend und kann die Dauer eines Schubs verkürzen, beeinflusst aber nicht die langfristige Krankheitsentwicklung.

Bei schweren Schüben, die auf Kortison nicht ansprechen, kommt manchmal eine Plasmapherese (Blutwäsche) zum Einsatz, bei der entzündliche Antikörper aus dem Blut gefiltert werden.

Verlaufsmodifizierende Therapien: Langfristig die Krankheit bremsen

Der eigentliche Kern der MS-Behandlung ist die langfristige, verlaufsmodifizierende Therapie. Ihr Ziel: die Schubrate senken, die Krankheitsprogression verlangsamen und damit Lebensqualität und Alltagsfähigkeit erhalten.

Basistherapien für milde bis moderate Verläufe

Für Betroffene mit geringer bis moderater Krankheitsaktivität gibt es gut erprobte Substanzen:

  • Interferone (z. B. Interferon-beta 1a und 1b): Seit den 1990er-Jahren bewährt, als Injektion angewendet.
  • Glatiramerazetat (Copaxone®): Ebenfalls als Injektion, wirkt immunmodulatorisch.
  • Orale Präparate: Dimethylfumarat, Teriflunomid und Siponimod sind Tabletten, die die Lebensqualität durch den Wegfall von Injektionen verbessern können.

Diese Therapien haben ein gut bekanntes Sicherheitsprofil und sind für viele Betroffene ein verlässlicher Einstieg.

Hochaktive Therapien bei schwererem Verlauf

Wer trotz Basistherapie weiterhin Schübe erleidet oder bei dem bildgebende Verfahren anhaltende Krankheitsaktivität zeigen, benötigt stärkere Substanzen. Die Neurologische Klinik des Universitätsklinikums Erlangen gibt einen guten Überblick über diese Eskalationsstufe.

Zu den eingesetzten Mitteln gehören:

  • Natalizumab (Tysabri®): Ein monoklonaler Antikörper, der verhindert, dass Immunzellen ins Gehirn einwandern.
  • Ocrelizumab (Ocrevus®): Richtet sich gegen bestimmte B-Lymphozyten und ist als einziges Präparat auch für die primär progrediente MS zugelassen.
  • Alemtuzumab und Cladribin: Sogenannte Immunrekonstitutionstherapien, die das Immunsystem gezielt zurücksetzen.

Diese Mittel sind wirksamer, aber auch mit einem höheren Risikoprofil verbunden – regelmäßige Blutkontrollen und engmaschige Begleitung durch spezialisierte MS-Zentren sind unverzichtbar.

Symptomtherapie: Den Alltag lebbar machen

Neben den verlaufsmodifizierenden Medikamenten spielt die Behandlung einzelner Symptome eine ebenso wichtige Rolle. Spastiken, Blasenschwäche, Erschöpfung (Fatigue), Schmerzen oder Gleichgewichtsstörungen – sie alle lassen sich gezielt lindern, auch wenn keine Heilung möglich ist.

Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und neuropsychologische Begleitung sind feste Bestandteile eines guten MS-Behandlungskonzepts. Viele Betroffene berichten, dass diese Bausteine ihren Alltag maßgeblich verbessern.

Was sich in der Forschung tut

Die Therapieentwicklung bei MS ist dynamisch. Besonders viel Aufmerksamkeit erregen derzeit sogenannte Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmer (BTK-Hemmer) wie Tolebrutinib – Substanzen, die anders als viele bisherigen Medikamente auch direkt im Zentralnervensystem wirken und damit möglicherweise erstmals die chronische Neurodegeneration bremsen können. Die AMSEL e.V. berichtet regelmäßig über solche Entwicklungen.

Auch die Stammzelltransplantation wird in bestimmten Fällen hochaktiver MS eingesetzt und erforscht – ein Feld, das weiterhin an Bedeutung gewinnt.

Das Gespräch mit dem Neurologen: Worüber man reden sollte

Eine gute Therapieentscheidung entsteht im Dialog. Folgende Punkte lohnen sich anzusprechen:

  • Welche Verlaufsform liegt vor? Und wie aktiv ist die Erkrankung aktuell?
  • Welches Therapieziel haben wir? Schubrate senken, Progression aufhalten oder Symptome lindern?
  • Welche Nebenwirkungen sind zu erwarten? Und wie werden sie überwacht?
  • Passt die Therapie zu meinem Leben? Täglich Tablette vs. Infusion alle sechs Monate – das ist kein unwichtiges Detail.
  • Was ist bei Kinderwunsch zu beachten? Einige Präparate erfordern lange Wartezeiten vor einer Schwangerschaft, andere kaum.

Wer sich auf ein MS-Zentrum bewerben möchte, findet über die DMSG eine Liste zertifizierter Einrichtungen. Auch AMSEL bietet Orientierungshilfen zur Suche nach dem richtigen Spezialisten.


Die Botschaft, die viele MS-Betroffene als befreiend empfinden: Man ist der Erkrankung nicht hilflos ausgeliefert. Moderne Therapien können den Verlauf erheblich beeinflussen – vorausgesetzt, sie werden konsequent angewendet und regelmäßig überprüft. Der wichtigste Schritt ist oft der erste: das offene Gespräch mit einem Neurologen, dem man vertraut.