Shg Betzdorf Hachenburg

Sport und Bewegung bei MS: Was geht, was hilft und was zu beachten ist

· Manfred Seibert
Sport und Bewegung bei MS: Was geht, was hilft und was zu beachten ist

Lange Zeit galt körperliche Anstrengung bei Multipler Sklerose als riskant – ein Missverständnis, das sich hartnäckig gehalten hat. Heute wissen wir: Bewegung ist nicht nur erlaubt, sie ist ausdrücklich empfohlen. Wer mit MS lebt, hat guten Grund, aktiv zu bleiben. Die Frage ist nur: Was passt, was hilft – und worauf sollte man achten?

Warum Bewegung bei MS so wichtig ist

MS greift das zentrale Nervensystem an und beeinträchtigt mit der Zeit Motorik, Gleichgewicht, Koordination und Ausdauer. Regelmäßige körperliche Aktivität wirkt auf mehreren Ebenen dieser Einschränkungen entgegen. Sie stärkt die Muskulatur, verbessert die Koordination, fördert die Herzkreislauf-Gesundheit und hat nachweislich positive Wirkungen auf die Psyche.

Besonders interessant: Sport löst keine Schübe aus. Studien konnten keinen Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und der Schubrate nachweisen. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) empfiehlt zwei- bis dreimal wöchentlich etwa 30 Minuten moderates Training – oder verteilt über den Tag in kürzeren Einheiten von je 8 bis 10 Minuten.

Auch das oft belastende Fatigue-Syndrom – die bleierne Erschöpfung, die viele MS-Betroffene kennen – lässt sich durch gezieltes Training lindern. Die Deutsche Hirnstiftung berichtet, dass regelmäßige Bewegung nachweislich das Fatigue-Erleben bei MS-Erkrankten verbessern kann.

Welche Sportarten besonders geeignet sind

Nicht jede Sportart passt für jeden gleich gut – das gilt für Menschen mit MS genauso wie für alle anderen. Der Unterschied: Bei MS spielen bestimmte Symptome wie Gleichgewichtsprobleme, Spastik oder Hitzeempfindlichkeit eine entscheidende Rolle bei der Wahl der richtigen Aktivität.

Wassersport und Aquatherapie

Wasser ist oft das ideale Medium für MS-Betroffene. Die Auftriebskraft entlastet die Gelenke und erleichtert Bewegungen, die an Land schwer fallen. Gleichzeitig kühlt das Wasser den Körper, was besonders für Menschen mit Hitzeempfindlichkeit ein großer Vorteil ist. Die DMSG empfiehlt Aquasport und Aquatherapie ausdrücklich – vom einfachen Schwimmen bis zu gezielten Übungsprogrammen im Wasser.

Ausdauertraining: Nordic Walking und Ergometer

Nordic Walking ist eine ausgezeichnete Wahl: Die Stöcke geben zusätzlichen Halt, das Gelände kann selbst gewählt werden, und das Tempo lässt sich jederzeit anpassen. Wer lieber drinnen trainiert oder wetterunabhängig bleiben möchte, findet im Fahrradergometer eine ebenso empfehlenswerte Alternative – mit dem Vorteil, dass Sturz- und Gleichgewichtsrisiken entfallen.

Kraft- und Koordinationstraining

Eine Kombination aus Krafttraining und Koordinationsübungen hat sich als besonders wirksam erwiesen. Gezielte Kräftigung der Rumpfmuskulatur verbessert die Stabilität im Alltag, Gleichgewichtsübungen helfen, Stürzen vorzubeugen. Beim Krafttraining gilt: lieber mit einem Therapeuten starten, um die Übungen korrekt zu erlernen.

Yoga und Tai-Chi

Sanfte Bewegungsformen wie Yoga oder Tai-Chi haben bei MS-Betroffenen in Studien gute Ergebnisse gezeigt – besonders in Bezug auf Gleichgewicht, Körperwahrnehmung und psychisches Wohlbefinden. Sie lassen sich gut in den Alltag integrieren und können je nach Verfassung angepasst werden.

Physiotherapie: Mehr als Krankengymnastik

Physiotherapie ist für viele MS-Betroffene ein fester Bestandteil des Alltags – und das zu Recht. Professionell begleitet geht es dabei nicht nur um Beweglichkeit, sondern um ein breites Spektrum an Zielen: Gang- und Gleichgewichtstraining, Spastikbehandlung, Atemübungen und die Schulung von Alltagsbewegungen.

Besonders bewährt hat sich die Physiotherapie nach dem Bobath-Konzept, das auf neurophysiologischen Grundlagen basiert und gezielt auf die Verbesserung von Bewegungsmustern ausgerichtet ist. Auch Hippotherapie – therapeutisches Reiten – kann bei bestimmten MS-Verläufen eine sinnvolle Ergänzung sein.

Wie oft und in welcher Form Physiotherapie eingesetzt wird, hängt vom individuellen Verlauf ab. Hier lohnt sich ein offenes Gespräch mit dem behandelnden Neurologen und dem Physiotherapeuten.

Was unbedingt beachtet werden sollte

Das Uhthoff-Phänomen

Etwa 80 Prozent der MS-Erkrankten kennen es: Nach körperlicher Anstrengung oder bei Wärme verschlechtern sich die Symptome vorübergehend. Dieses sogenannte Uhthoff-Phänomen entsteht, weil bereits geschädigte Nervenfasern besonders empfindlich auf Temperaturerhöhungen reagieren – schon 0,5 Grad Celsius können ausreichen, um Leitungsprobleme zu verstärken.

Wichtig: Diese vorübergehende Verschlechterung ist kein Schub und kein Zeichen, dass die Erkrankung fortschreitet. Die Symptome klingen ab, sobald der Körper sich wieder abgekühlt hat. Trotzdem sollte man darauf Rücksicht nehmen: Sport am besten in den kühleren Tageszeiten, in klimatisierten Räumen oder – wie erwähnt – im Wasser.

Auf den eigenen Körper hören

Keine starre Routine, kein Leistungsdruck. MS-Verläufe sind individuell, und die Verfassung wechselt. An einem guten Tag kann mehr drin sein, an einem schlechten reicht manchmal ein kurzer Spaziergang. Beide Tage haben ihren Wert. Das Ziel ist Regelmäßigkeit über Zeit – nicht maximale Leistung an einem einzelnen Tag.

Mit ärztlicher Begleitung starten

Wer neu mit Sport bei MS beginnt, sollte dies nicht allein und ohne Rücksprache tun. Ein Sportmediziner oder ein auf MS spezialisierter Physiotherapeut kann helfen, ein passendes Programm zu entwickeln, das sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen des Einzelnen berücksichtigt.

Gemeinsam aktiv – der Wert der Gruppe

Bewegung muss nicht einsam sein. In Selbsthilfegruppen und MS-spezifischen Sportgruppen finden viele Betroffene nicht nur Mitstreiter, sondern auch gegenseitige Motivation und praktisches Wissen aus erster Hand. Wer in der Region Betzdorf-Hachenburg nach Gleichgesinnten sucht, ist herzlich eingeladen, sich bei der örtlichen SHG zu melden – gemeinsam geht vieles leichter.


Bewegung bei MS ist kein Widerspruch – sie ist ein Teil der Antwort. Nicht als Allheilmittel, aber als eine der wirksamsten und zugänglichsten Möglichkeiten, aktiv Einfluss auf das eigene Wohlbefinden zu nehmen. Wer seinen Körper kennt und klug vorgeht, kann mit MS ein aktives Leben führen.