Schwangerschaft und Multiple Sklerose: Was Frauen mit MS wissen sollten
Die Diagnose Multiple Sklerose verändert vieles – aber sie nimmt Frauen nicht den Wunsch nach einer Familie. Dennoch tauchen bei der Vorstellung einer Schwangerschaft mit MS sofort Fragen auf: Ist das überhaupt möglich? Was passiert mit der Erkrankung? Welche Medikamente sind sicher? Diese Fragen sind berechtigt und verdienen ehrliche, fundierte Antworten.
MS und Kinderwunsch: Grundsätzlich kein Hinderungsgrund
Eine MS-Diagnose bedeutet nicht automatisch, dass eine Schwangerschaft ausgeschlossen ist. Aktuelle medizinische Erkenntnisse zeigen klar: Schwangerschaften bei MS-Patientinnen sind keine Risikoschwangerschaften per se. Das Risiko für Komplikationen, Fehlgeburten oder Fehlbildungen ist durch die Erkrankung selbst nicht erhöht.
Was sich allerdings lohnt, ist eine sorgfältige Planung – idealerweise gemeinsam mit einem Neurologen und einer Gynäkologin, noch bevor die Schwangerschaft beginnt. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) bietet dazu umfangreiche Informationen und empfiehlt ausdrücklich, den Kinderwunsch frühzeitig anzusprechen – auch wenn er noch nicht konkret ist.
Der optimale Zeitpunkt für eine Schwangerschaft liegt in einer stabilen Krankheitsphase. Je aktiver die MS in den Monaten vor der Empfängnis war, desto wahrscheinlicher ist es, dass es während der Schwangerschaft zu Schüben kommt.
Was passiert mit der MS während der Schwangerschaft?
Hier gibt es eine überraschend positive Nachricht: Die meisten Frauen mit MS erleben während der Schwangerschaft – besonders im zweiten und dritten Trimester – eine deutliche Verringerung der Schubaktivität. Im letzten Schwangerschaftsdrittel kann die Schubrate um bis zu 70–80 Prozent sinken.
Der Grund liegt in immunologischen Umstellungen des Körpers: Das Immunsystem wird während der Schwangerschaft reguliert, um das Kind nicht abzustoßen – ein Mechanismus, der sich indirekt schützend auf die MS auswirkt.
Die kritische Phase nach der Geburt
Dieser Schutz endet jedoch mit der Entbindung. In den ersten drei bis sechs Monaten nach der Geburt steigt das Schubrisiko deutlich an – ein Phänomen, das als postpartaler Schub bekannt ist. Studien zeigen, dass etwa 25 Prozent der Frauen im ersten Vierteljahr nach der Geburt einen Schub erleiden.
Das klingt zunächst beunruhigend, aber es hilft, sich darauf vorzubereiten. Wer diesen Zeitraum kennt und ein gutes Unterstützungsnetz hat – Partner, Familie, Hebamme, Neurologe – kann gezielt reagieren.
Medikamente: Was ist erlaubt, was nicht?
Die Frage der Therapiesicherheit ist zentral und individuell sehr unterschiedlich zu bewerten. Viele verlaufsmodifizierende Medikamente (Immuntherapeutika) dürfen während der Schwangerschaft nicht eingenommen werden. Dazu zählen unter anderem Fingolimod, Natalizumab in bestimmten Situationen sowie einige andere Substanzen.
Andere Wirkstoffe gelten als vergleichsweise sicher oder sind zumindest tolerierbar:
- Beta-Interferone und Glatirameracetat wurden bisher am häufigsten in Schwangerschaften eingesetzt und gelten als relativ gut verträglich, obwohl sie offiziell vor der Empfängnis abgesetzt werden sollten.
- Hochdosierte Kortikosteroide können bei einem Schub während der Schwangerschaft eingesetzt werden, wenn es medizinisch notwendig ist – auch im zweiten und dritten Trimester.
Wann eine Therapie abgesetzt, pausiert oder umgestellt wird, hängt stark vom individuellen Krankheitsverlauf ab. Das Informationsportal familienplanung.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung fasst allgemein verständlich zusammen, worauf Frauen mit chronischen Erkrankungen in der Schwangerschaft achten sollten.
Medikamente nach der Geburt
Wer nach der Geburt die Immuntherapie wieder aufnehmen möchte, sollte dies mit dem Neurologen besprechen – und dabei auch die Stillzeit berücksichtigen. Denn manche Medikamente gehen in die Muttermilch über.
Stillen mit MS: Ja oder nein?
Diese Frage bewegt viele Mütter mit MS. Die gute Nachricht: Stillen ist in vielen Fällen möglich und wird sogar positiv bewertet. Es gibt Hinweise darauf, dass ausschließliches Stillen das Schubrisiko nach der Geburt reduzieren kann – möglicherweise durch ähnliche Hormonmechanismen wie während der Schwangerschaft.
Die Österreichische Multiple Sklerose Gesellschaft weist darauf hin, dass einige Medikamente – darunter Beta-Interferone, Glatirameracetat sowie Ofatumumab und Ocrelizumab – in Europa offiziell für die Stillzeit zugelassen sind. Andere Präparate hingegen nicht.
Wer während der Stillzeit einen Schub hat und eine Kortison-Behandlung benötigt, muss deshalb nicht zwingend abstillen. Eine Stillpause von ein bis vier Stunden nach der Einnahme ist in der Regel ausreichend.
Praktische Vorbereitung und Unterstützung
Beratungsstellen und Register
Das Projekt „Plan Baby bei MS" der DMSG bietet eine telefonische Beratung speziell für Frauen mit MS rund um Kinderwunsch, Schwangerschaft und Elternsein. Auch das MS-Kinderwunschregister sammelt Daten zu Schwangerschaften bei MS und hilft dabei, die medizinische Datenlage kontinuierlich zu verbessern.
Interdisziplinäres Team zusammenstellen
Wichtig ist, frühzeitig ein Team zu bilden:
- Neurologie – für die MS-Verlaufskontrolle und Therapieentscheidungen
- Gynäkologie/Geburtshilfe – idealerweise mit Erfahrung in Risikoschwangerschaften
- Hebamme – als engste Begleitung rund um die Geburt
- Selbsthilfegruppe – für den Austausch mit anderen betroffenen Müttern
Dieser letzte Punkt wird oft unterschätzt. Der Erfahrungsaustausch mit anderen Frauen, die Schwangerschaft und MS miteinander vereinbart haben, ist oft wertvoller als jede medizinische Broschüre.
Alltag mit Kind – realistische Erwartungen
MS bedeutet Unvorhersehbarkeit. Mancher Tag ist besser, mancher schlechter. Das gilt auch als frischgebackene Mutter. Wer sich frühzeitig ein verlässliches Netz aus Unterstützung aufbaut – Familie, Freunde, professionelle Hilfe – ist deutlich besser aufgestellt.
Konkrete Dinge, die helfen:
- Babybetten und Wickelbereiche auf ergonomisch günstiger Höhe einrichten
- Babyphone und praktische Hilfsmittel einplanen, falls Feinmotorik oder Mobilität eingeschränkt sind
- Pflegeberatung und ggf. Elterngeld-Ansprüche frühzeitig klären
Was die Forschung sagt
Eine Studie zum Kinderwunsch und Multiple Sklerose in Deutschland, veröffentlicht von der DMSG, zeigt: Der Wunsch nach Kindern ist bei Frauen mit MS genauso ausgeprägt wie in der Allgemeinbevölkerung – aber die Verwirklichung dieses Wunsches scheitert häufiger an Unsicherheit und Fehlinformationen als an medizinischen Tatsachen.
Das ist ein wichtiges Signal. Viele Frauen verzichten unnötigerweise auf eine Schwangerschaft, weil sie falsche Vorstellungen über die Risiken haben. Die Realität ist deutlich ermutigender, als viele befürchten.
Schwangerschaft und MS schließen sich nicht aus. Mit guter Planung, einem erfahrenen Behandlungsteam und einem stabilen Umfeld ist eine erfüllte Familienplanung für viele Frauen mit MS sehr wohl möglich. Wer Fragen hat, ist in einer Selbsthilfegruppe gut aufgehoben – denn dort sprechen Menschen, die diese Erfahrung selbst gemacht haben.