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MS-Verlaufsformen verstehen: RRMS, PPMS und SPMS erklärt

· Manfred Seibert
MS-Verlaufsformen verstehen: RRMS, PPMS und SPMS erklärt

Die Diagnose Multiple Sklerose stellt das Leben auf den Kopf – und mit ihr kommen oft viele Fragen, die sich erst nach und nach beantworten lassen. Eine der wichtigsten: Welche Form der MS liegt eigentlich vor? Denn Multiple Sklerose ist keine einheitliche Erkrankung. Sie verläuft von Mensch zu Mensch unterschiedlich, und das medizinische Konzept der Verlaufsformen hilft dabei, diese Unterschiede besser zu verstehen und die richtige Behandlung zu finden.

Warum Verlaufsformen so wichtig sind

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift. Das Muster, in dem sich die Erkrankung zeigt und entwickelt, ist jedoch nicht bei allen Betroffenen gleich. Mediziner unterscheiden heute im Wesentlichen drei Verlaufsformen – und diese Unterscheidung ist alles andere als akademisch: Sie beeinflusst, welche Therapien zur Verfügung stehen, wie engmaschig die Kontrollen sein sollten und wie Betroffene und Angehörige den Alltag planen können.

Schubförmig-remittierende MS (RRMS)

Die schubförmig-remittierende Multiple Sklerose ist die häufigste Form – rund 85 bis 90 Prozent aller Menschen mit MS erhalten zu Beginn diese Diagnose. Das charakteristische Muster: Es kommt zu sogenannten Schüben, also Phasen, in denen neue neurologische Symptome auftreten oder bestehende sich deutlich verschlechtern. Nach dem Schub folgt eine Remission – eine Phase der Erholung, in der sich die Symptome teilweise oder vollständig zurückbilden.

Was passiert bei einem Schub?

Ein Schub tritt auf, wenn eine neue Entzündung im zentralen Nervensystem entsteht und die Signalübertragung zwischen Nervenzellen stört. Typische Symptome sind Sehstörungen, Kribbeln oder Taubheitsgefühle, Muskelschwäche oder Koordinationsprobleme. Ein Schub dauert definitionsgemäß mindestens 24 Stunden und sollte mindestens 30 Tage nach einem vorangegangenen Schub auftreten, um als eigenständig zu gelten.

Zwischen den Schüben schreitet die Erkrankung bei RRMS klassischerweise nicht fort – das ist ein wesentlicher Unterschied zu den progressiven Verlaufsformen. Viele Menschen mit schubförmig-remittierender MS können mit der richtigen Behandlung über lange Zeit stabil leben.

Therapiemöglichkeiten bei RRMS

Für RRMS stehen die meisten zugelassenen Therapien zur Verfügung. Sogenannte verlaufsmodifizierende Medikamente – auch Basistherapien oder Immuntherapien genannt – können die Häufigkeit und Schwere von Schüben reduzieren und langfristig das Fortschreiten verlangsamen. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) bietet hierzu umfassende Informationen und begleitet Betroffene auf dem Weg durch das Therapieangebot.

Primär-progressive MS (PPMS)

Die primär-progressive MS trifft etwa 10 bis 15 Prozent der Erkrankten und unterscheidet sich grundlegend von der RRMS: Hier gibt es keine Schübe. Stattdessen verschlechtern sich die neurologischen Funktionen von Anfang an schleichend und kontinuierlich – ohne erkennbare Erholungsphasen.

Wen betrifft PPMS besonders?

PPMS tritt häufiger bei Menschen auf, die erst im mittleren Lebensalter zwischen 40 und 50 Jahren erkranken. Männer und Frauen sind bei dieser Verlaufsform in etwa gleich häufig betroffen – anders als bei RRMS, wo Frauen deutlich häufiger erkranken. Das Hauptsymptom ist oft eine zunehmende Gangstörung oder Schwäche in den Beinen.

Behandlung der PPMS

Lange galt PPMS als therapeutisch kaum beeinflussbar. Inzwischen gibt es jedoch zugelassene Wirkstoffe, die speziell für diese Verlaufsform entwickelt wurden und das Fortschreiten verlangsamen können. Die Behandlung bei PPMS erfordert enge Zusammenarbeit mit einem auf MS spezialisierten Neurologen.

Sekundär-progressive MS (SPMS)

Die sekundär-progressive MS entwickelt sich aus einer vorausgegangenen RRMS. Nach einer schubförmigen Phase – die Jahre oder Jahrzehnte dauern kann – geht die Erkrankung in einen kontinuierlich fortschreitenden Verlauf über. Schübe können dabei noch auftreten, treten aber in den Hintergrund; die stetige Verschlechterung der Funktionen dominiert das Bild.

Wann beginnt SPMS?

Es gibt keinen eindeutigen Zeitpunkt, an dem RRMS in SPMS übergeht – der Übergang ist fließend und wird rückblickend festgestellt. Früher galt, dass bis zu 90 Prozent der RRMS-Betroffenen nach 20 Jahren in eine SPMS übergehen. Durch moderne verlaufsmodifizierende Therapien hat sich dieser Anteil in den letzten Jahrzehnten deutlich verringert. Regelmäßige MRT-Kontrollen und neurologische Untersuchungen helfen, Veränderungen im Verlauf frühzeitig zu erkennen.

Leben mit SPMS

Der Übergang in die sekundär-progressive Phase kann emotional belastend sein – viele Betroffene erleben ihn als neuen Einschnitt. Gleichzeitig bedeutet er nicht das Ende einer aktiven Lebensgestaltung. Rehabilitationsmaßnahmen, Physiotherapie und gezielte Symptomtherapien spielen bei SPMS eine besonders wichtige Rolle.

Sonderform: Klinisch isoliertes Syndrom (KIS)

Vor der eigentlichen MS-Diagnose steht manchmal ein sogenanntes klinisch isoliertes Syndrom (KIS): ein erster neurologischer Schub, der noch nicht die vollständigen Diagnosekriterien für MS erfüllt. Nicht jeder Mensch mit einem KIS entwickelt eine MS – aber das Risiko ist erhöht. Eine frühzeitige Abklärung und gegebenenfalls Behandlung kann den weiteren Verlauf positiv beeinflussen.

Was bedeutet das für den Alltag?

Die Verlaufsform allein sagt noch wenig darüber aus, wie das Leben mit MS konkret aussieht. Viele Menschen mit PPMS führen ein weitgehend selbstständiges Leben, während manche RRMS-Betroffene durch schwere Schübe stark eingeschränkt sein können. Entscheidend sind das individuelle Ausmaß der Erkrankung, die gewählte Therapie und – nicht zuletzt – ein tragfähiges Netz aus Unterstützung.

Selbsthilfegruppen spielen dabei eine unterschätzte Rolle: Der Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, kann helfen, mit der Diagnose umzugehen und praktische Alltagslösungen zu finden. Die AMSEL e.V., die Aktionsgemeinschaft Multiple Sklerose in Bayern, und die lokalen Gruppen der DMSG bieten genau diesen Raum. Wer in der Region Betzdorf-Hachenburg Anschluss sucht, findet in einer Selbsthilfegruppe oft mehr als nur Information – nämlich echte menschliche Nähe.

Wer sich tiefer informieren möchte, findet auf der Webseite der DMSG unter „Was ist MS?" einen guten Ausgangspunkt – aufbereitet von Fachleuten, verständlich geschrieben für Betroffene und Angehörige.