MS-Schübe erkennen und richtig handeln: Tipps für den Ernstfall
Plötzlich ist die Handschrift unleserlicher als sonst. Das Bein fühlt sich taub an, oder das Sehen auf einem Auge verschwimmt. Wer mit Multipler Sklerose lebt, kennt dieses mulmige Gefühl: Ist das jetzt ein Schub? Die Unsicherheit in solchen Momenten kann lähmend sein – manchmal sogar mehr als das Symptom selbst. Dabei hilft gutes Vorwissen enorm: Wer weiß, was einen echten MS-Schub ausmacht und wie man richtig reagiert, gewinnt in einer belastenden Situation Handlungsfähigkeit zurück.
Was genau ist ein MS-Schub?
Ein Schub bei Multipler Sklerose ist keine vage Verschlechterung des Befindens. Medizinisch gelten klare Kriterien, bevor man von einem echten Schub spricht:
- Neue neurologische Symptome treten auf, oder bereits bekannte, vollständig abgeklungene Beschwerden kehren zurück.
- Die Symptome halten mindestens 24 Stunden an.
- Zwischen diesem und dem letzten Schub liegen mindestens 30 Tage.
- Die Beschwerden lassen sich nicht durch Fieber, eine Infektion oder stark erhöhte Körpertemperatur erklären.
Dieser letzte Punkt ist besonders wichtig: Das sogenannte Uhthoff-Phänomen – eine vorübergehende Symptomverschlechterung durch Überhitzung, Sport oder Fieber – gehört ausdrücklich nicht dazu. Es handelt sich dabei nicht um einen echten Schub, auch wenn es sich genauso anfühlen kann.
MS-Schub Symptome: Woran erkenne ich ihn?
Die MS Schub Symptome sind so vielfältig wie die Erkrankung selbst, da je nach betroffener Stelle im Zentralnervensystem ganz unterschiedliche Bereiche des Körpers betroffen sein können. Häufige Anzeichen sind:
Sehstörungen
Verschwommenes Sehen, Doppelbilder oder Schmerzen beim Augenbewegen (Optikusneuritis) gehören zu den klassischen Erstsymptomen eines Schubs.
Sensibilitätsstörungen
Kribbeln, Taubheitsgefühle oder ein pelziges Gefühl in Armen, Beinen, dem Gesicht oder dem Rumpf – oft einseitig oder auf einen bestimmten Bereich begrenzt.
Motorische Einschränkungen
Schwäche oder Schwerfälligkeit in einem Bein oder Arm, unsicherer Gang, gestörte Feinmotorik beim Schreiben oder Greifen.
Blasen- und Darmprobleme
Plötzliche oder häufigere Inkontinenz, Harndrang oder Verstopfung, die ohne anderen Erklärungsgrund auftreten.
Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen
Schwindel, Unsicherheit beim Gehen oder Greifen, unkoordinierte Bewegungen.
Ein einzelnes Symptom muss noch kein Alarm sein – aber wenn sich mehrere davon häufen, länger als einen Tag anhalten und sich nicht durch Erschöpfung oder Hitze erklären lassen, sollte man aktiv werden.
Pseudoschub: Die wichtige Unterscheidung
Nicht jede Verschlechterung ist ein echter Schub. Bei einem Pseudoschub handelt es sich um eine vorübergehende Verstärkung bestehender Symptome – oft ausgelöst durch:
- Infekte (selbst ein einfacher Harnwegsinfekt kann bestehende Symptome stark verstärken)
- Erschöpfung oder Schlafmangel
- Stress oder emotionale Belastung
- Hitze oder starke Sonneneinstrahlung
Pseudoschübe klingen in der Regel ab, sobald die Ursache beseitigt ist – zum Beispiel wenn der Infekt behandelt wird. Sie hinterlassen keine bleibenden neurologischen Schäden und erfordern keine Kortison-Therapie. Dennoch: Im Zweifelsfall immer ärztlich abklären lassen.
Was tun, wenn ein Schub aufkommt?
1. Ruhig bleiben und beobachten
Notieren Sie sofort, welche Symptome auftreten, wann sie begonnen haben und wie stark sie sind. Gibt es aktuelle Erkältungszeichen, Fieber oder war es ungewöhnlich heiß? Diese Informationen helfen dem Arzt enorm bei der Einschätzung.
2. Den Neurologen kontaktieren – ohne zu zögern
Viele Betroffene warten ab, ob es „von selbst besser wird". Das ist verständlich, kann aber wertvolle Therapiezeit kosten. Lieber einmal zu früh anrufen als zu spät. Bei starken Symptomen – insbesondere akuten Sehverlust, starke Schwäche oder Sprachstörungen – sollte man nicht bis zum nächsten Werktag warten.
3. Keine Eigentherapie
Kortison aus alten Vorräten eigenmächtig einzunehmen ist keine gute Idee. Die Dosis, Dauer und Applikationsform der Multiple Sklerose Schub Behandlung müssen ärztlich festgelegt werden.
Die medizinische Schubbehandlung
Die Therapie der Wahl ist laut der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) eine hochdosierte intravenöse Kortison-Stoßtherapie mit Methylprednisolon, üblicherweise über drei bis fünf Tage. Sie wirkt entzündungshemmend, verkürzt die Schubdauer und kann die Rückbildung von Symptomen beschleunigen. Eine vollständige Heilung von Schäden garantiert sie nicht, aber sie lindert die akute Entzündungsreaktion im Zentralnervensystem.
Spricht der erste Kortison-Stoß nicht ausreichend an, gibt es die Option einer Eskalationstherapie: ein weiterer, noch höher dosierter Kortison-Kurs oder eine Plasmapherese, bei der schädliche Antikörper aus dem Blut herausgefiltert werden.
Nach einem Schub folgt häufig Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie – je nachdem, welche Funktionen beeinträchtigt waren. Rehabilitation ist kein Luxus, sondern ein wichtiger Teil der Genesung.
Praktische Vorbereitung: Das MS-Tagebuch
Wer regelmäßig ein Schubtagebuch führt, ist im Ernstfall besser vorbereitet. Die DMSG bietet dafür sogar ein eigenes MS-Tagebuch an. Notieren Sie darin:
- Datum und Uhrzeit des Symptombeginns
- Art und Intensität der Beschwerden (z. B. Skala 1–10)
- Begleitumstände (Stress, Hitze, Infekt)
- Schlaf und allgemeines Wohlbefinden
- aktuelle Medikamente
Dieses Tagebuch wird zum wertvollen Instrument im Gespräch mit dem Neurologen. Vage Erinnerungen werden durch konkrete Beobachtungen ersetzt – und das erleichtert die Therapieentscheidung erheblich.
Für Angehörige: Wie Sie unterstützen können
Angehörige spielen im Schubgeschehen eine wichtige Rolle. Ihre Unterstützung beginnt oft damit, Ruhe auszustrahlen, wenn der Betroffene selbst in Panik verfällt. Begleiten Sie den Betroffenen zum Arzttermin – vier Augen und Ohren nehmen mehr wahr. Helfen Sie beim Dokumentieren der Symptome. Und übernehmen Sie praktische Aufgaben, damit der Erkrankte sich erholen kann, ohne sich gleichzeitig um Alltägliches sorgen zu müssen.
Genauso wichtig ist es, die eigene Belastung im Blick zu behalten. Selbsthilfegruppen sind auch für Angehörige ein wertvoller Anlaufpunkt – für Austausch, Entlastung und praktische Informationen.
Ein MS-Schub ist ein ernstes Ereignis, aber kein Grund zur Hilflosigkeit. Mit dem richtigen Wissen, einem guten Arzt an der Seite und einem Netzwerk aus Verständnis und Unterstützung lässt sich auch der Ernstfall bewältigen.
Quellen: