Shg Betzdorf Hachenburg

Leben mit MS im Alltag: Strategien, Hilfsmittel und kleine Erleichterungen

· Manfred Seibert
Leben mit MS im Alltag: Strategien, Hilfsmittel und kleine Erleichterungen

Multiple Sklerose ist eine Erkrankung, die sich selten ankündigt – und wenn sie da ist, betrifft sie nicht nur den Körper, sondern das gesamte Leben. Jeden Tag aufs Neue. Wer mit MS lebt, kennt den Spagat zwischen dem, was man möchte, und dem, was der Körper zulässt. Doch es gibt Wege, diesen Alltag so zu gestalten, dass er lebenswerter bleibt – mit klugen Routinen, den richtigen Hilfsmitteln und einem realistischen Blick auf die eigenen Ressourcen.

Was MS mit dem Alltag macht

Multiple Sklerose ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden der Nervenfasern angreift. Die Folgen sind so vielfältig wie die Erkrankung selbst: Fatigue, Gangstörungen, Taubheitsgefühle, Sehprobleme, kognitive Einschränkungen, Spastiken oder Blasenschwäche – nicht alle Symptome treten bei jedem auf, und sie können von Tag zu Tag schwanken.

Genau diese Unvorhersehbarkeit macht die Alltagsplanung so anspruchsvoll. Was gestern noch gut funktionierte, kann heute eine Herausforderung sein. Das ist keine Niederlage – es ist die Realität dieser Erkrankung. Und sie erfordert eine besondere Flexibilität: nicht Aufgeben, sondern Anpassen.

Energie klug einteilen: Umgang mit der Fatigue

Die MS-bedingte Fatigue ist weit mehr als gewöhnliche Müdigkeit. Sie trifft Betroffene oft ohne Vorwarnung und kann innerhalb kurzer Zeit dazu führen, dass selbst einfachste Tätigkeiten zur Kraftanstrengung werden. Über 80 Prozent der MS-Erkrankten berichten von diesem Symptom.

Der wichtigste Grundsatz im Umgang damit: Energie ist ein knappes Gut – sie muss bewusst eingeteilt werden.

Hilfreiche Strategien:

  • Tagesstruktur nach Energiekurve: Kraftintensive Aufgaben in die Stunden legen, in denen man sich am stärksten fühlt – für viele ist das der Morgen, manchmal nach einer kurzen Ruhepause.
  • Pausen planen, bevor die Erschöpfung kommt: Nicht warten, bis nichts mehr geht. Regelmäßige, kurze Ruhephasen wirken präventiv.
  • Prioritäten setzen: Was muss heute wirklich erledigt werden? Was kann warten? Was kann jemand anderes übernehmen?
  • Hitze meiden: Wärme verschlimmert bei vielen MS-Betroffenen die Symptome deutlich. Kühle Räume, Kühlwesten oder kühle Getränke können helfen.

AMSEL e.V., die Aktion Multiple Sklerose Erkrankter, stellt umfangreiche Alltagstipps bereit – darunter auch konkrete Empfehlungen zum Umgang mit Fatigue und Energiemanagement.

Hilfsmittel im Alltag: Was wirklich hilft

Hilfsmittel sind kein Eingeständnis von Schwäche. Sie sind Werkzeuge, die Selbstständigkeit erhalten und den Alltag spürbar erleichtern. Das Angebot reicht von einfachen Alltagshelfern bis hin zu technischen Lösungen – je nach Krankheitsstadium und persönlicher Situation.

Mobilität und Bewegung

  • Gehstöcke und Unterarmgehstützen – für Phasen mit leichteren Gleichgewichtsstörungen
  • Rollatoren – bieten Stabilität und ermöglichen kurze Pausen unterwegs
  • Rollstühle – manuell oder elektrisch, je nach Kraft und Bedarf
  • Peronäusschienen oder Knöchelorthesen – bei Fußhebeschwäche (Dropfoot), die das Stolpern reduzieren

Bad und Körperpflege

Das Badezimmer birgt für viele MS-Betroffene die größten Herausforderungen. Schon kleine Anpassungen machen hier einen großen Unterschied:

  • Haltegriffe an Dusche, Badewanne und WC
  • Duschstuhl oder Duschhocker
  • Bodengleiche Duschen ohne Schwelle
  • Erhöhte WC-Sitze
  • Rutschhemmende Matten

Küche und Haushalt

Greifschwäche, Zittern oder eingeschränkte Feinmotorik machen Haushaltsdinge zur Geduldsprobe. Ergonomische Helfer wie dickere Griffe für Besteck und Schreibgeräte, Einhand-Küchenhelfer, elektrische Dosenöffner oder Antirutschmatten für Schneidbretter können hier gezielt eingesetzt werden.

Digitale Hilfsmittel

Smartphones und Tablets bieten heute Funktionen, die für MS-Betroffene echten Mehrwert schaffen: Sprachsteuerung, Erinnerungsfunktionen für Medikamente, Apps zur Tagebuchführung von Symptomen oder digitale Hilfsmittel für kognitive Einschränkungen.

Den Wohnraum anpassen

Wer zuhause sicher und selbstständig leben möchte, sollte frühzeitig über Wohnraumanpassungen nachdenken – idealerweise bevor ein akuter Bedarf entsteht. Dazu gehören:

  • Türschwellen entfernen oder abschrägen
  • Türbreiten auf mindestens 90 cm verbreitern (für Rollator oder Rollstuhl)
  • Handläufe an Treppen beidseitig anbringen
  • Wichtige Dinge in griffbereiter Höhe lagern

Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) berät Betroffene und Angehörige zu Wohnraumanpassungen, Hilfsmittelversorgung und den Wegen zur Kostenübernahme durch Kranken- oder Pflegekasse. Die Beratung ist kostenlos und wird über die regionalen Landesverbände angeboten.

Bewegung – aber mit Bedacht

Lange galt körperliche Aktivität bei MS als riskant. Heute weiß man: Bewegung ist ein wichtiger Baustein im Umgang mit der Erkrankung – sofern sie individuell angepasst wird. Regelmäßiges Training kann Fatigue, Spastiken und depressive Verstimmungen positiv beeinflussen.

Geeignete Aktivitäten sind unter anderem:

  • Schwimmen – schonend für die Gelenke, kühlendes Wasser wirkt angenehm
  • Yoga und Tai-Chi – fördern Gleichgewicht und Körperwahrnehmung
  • Radfahren oder Ergometertraining – gut dosierbar
  • Krafttraining – stärkt Muskulatur und verbessert die Alltagsmotorik

Wichtig: Auf den eigenen Körper hören und bei Schüben oder starker Fatigue kein Training erzwingen.

Kognitive Einschränkungen nicht unterschätzen

Vergesslichkeit, Konzentrationsprobleme oder verlangsamtes Denken – auch das gehört für viele Betroffene zum Alltag mit MS. Strategien wie Notizbücher und Checklisten, feste Routinen, Erinnerungsapps oder das bewusste Reduzieren von Reizüberflutung können helfen, den Kopf klarer zu halten.

Soziales Leben und Gemeinschaft

MS verändert nicht nur den Körper – sie kann auch das soziale Leben beeinflussen. Termine fallen aus, Energie für Verabredungen fehlt, und nicht immer ist leicht zu erklären, warum man heute nicht kann, was gestern noch möglich war.

Selbsthilfegruppen bieten hier etwas, das kein Arzt und kein Ratgeber ersetzen kann: echtes Verständnis von Menschen, die dasselbe erleben. Der Austausch mit anderen Betroffenen gibt Kraft, vermittelt praktisches Wissen und erinnert daran, dass man mit dieser Erkrankung nicht allein ist.

Regionale Gruppen wie die SHG Betzdorf-Hachenburg sind oft der erste Anlaufpunkt für Menschen, die nach dem Anschluss suchen. Die DMSG vermittelt deutschlandweit Kontakte zu Selbsthilfegruppen und Beratungsangeboten.

Hilfsmittel beantragen – so funktioniert es

Viele Hilfsmittel werden von der Krankenkasse übernommen – vorausgesetzt, sie sind ärztlich verordnet und im Hilfsmittelverzeichnis gelistet. Der Weg dorthin führt über den Hausarzt oder Neurologen, der eine Verordnung ausstellt. Pflegehilfsmittel können zusätzlich über die Pflegeversicherung finanziert werden.

AMSEL e.V. erklärt den Weg zum geeigneten Hilfsmittel Schritt für Schritt – von der Verordnung über den Antrag bis zur Widerspruchsmöglichkeit bei Ablehnung. Es lohnt sich, hartnäckig zu bleiben, denn Ablehnungen sind nicht selten und können erfolgreich angefochten werden.


Leben mit MS bedeutet, vieles neu zu denken – aber nicht, auf ein erfülltes Leben zu verzichten. Mit dem richtigen Wissen, passenden Hilfsmitteln und einem unterstützenden Umfeld lässt sich auch mit dieser Erkrankung ein Alltag gestalten, der Würde, Selbstbestimmung und Lebensfreude zulässt.